Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Ortsgruppe Garching

Radwege sind Gesundheitsinfrastruktur

Der ADFC nimmt das Thema Gesundheit noch stärker in den Blick. Angela Kohls, Leiterin Verkehrspolitik beim ADFC, erklärt, welche Erkenntnisse sich aus ADFC-Symposium „Gesundheit x Mobilität“ ziehen lassen und was Deutschland von anderen lernen kann.

ADFC Mitarbeiter Portraits
Angela Kohls, Leiterin Verkehrspolitik beim ADFC © ADFC/Dirk Michael Deckbar

Radfahren wird häufig mit Klimaschutz und moderner Mobilität verbunden. Warum ist Gesundheit ein ebenso wichtiges Argument für mehr Radverkehr?
Radfahren und Zufußgehen sind nicht nur klimafreundliche Formen der Fortbewegung, sondern auch wirksame Gesundheitsförderung im Alltag. Nachhaltig wirkt Bewegung vor allem dann, wenn sie ganz selbstverständlich in den Alltag integriert werden kann. So wird der Weg zur Arbeit, zur Schule, zum Einkauf oder zum Bahnhof ohne zusätzlichen Zeitaufwand zum Teil der Gesundheitsvorsorge. Regelmäßige Bewegung stärkt die körperliche und psychische Gesundheit. Sie beugt zudem Risiken wie Bewegungsmangel und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor.

Sichere und attraktive Radwege fördern Bewegung und damit die Gesundheit in jeder Lebensphase: Radfahren hilft Kindern, ihre motorischen Fähigkeiten zu entwickeln. Außerdem reduziert es Stress und stärken die Leistungsfähigkeit im Berufsleben. Im Alter helfen sichere Radwege dabei, dass Menschen auf dem Fahrrad selbstständig und mobil bleiben. 

Mehr Radverkehr trägt auch zu gesünderen, lebenswerteren Städten bei, wenn er Autofahrten ersetzt: durch weniger Luftverschmutzung, Lärm und Stress. Voraussetzung dafür ist, dass sich Menschen im öffentlichen Raum sicher fühlen. Deshalb gehören Verkehrssicherheit und gesundheitliche Chancengleichheit zusammen.

Was bedeutet es für die politische Arbeit des ADFC, wenn Gesundheit stärker als Argument für mehr und besseren Radverkehr in den Mittelpunkt rückt?
Das Thema Gesundheit erweitert den Blick auf Radverkehrspolitik: Der Radverkehr ist dann nicht nur eine Frage von Verkehr, Klima oder Stadtgestaltung, sondern auch ein Instrument der Prävention. Daher muss Gesundheitsförderung bereits beim Planen von Straßen, Quartieren und Verkehrsnetzen mitgedacht werden.

Mit dem Symposium stärken wir als ADFC eine engere Zusammenarbeit von Gesundheitswesen, Prävention, Bildung, Verkehr und Stadtplanung. Wir machen so deutlich, dass Investitionen in sichere Rad- und Fußverkehrsinfrastruktur nicht nur nach ihrer Wirkung auf den Verkehr bewertet werden, sondern auch nach ihrem Beitrag zu Bewegung, Sicherheit, Selbstständigkeit und geringeren gesundheitlichen Folgekosten. Der ADFC stellt deshalb künftig noch stärker heraus, welchen Beitrag gute Radverkehrsinfrastruktur zu Gesundheit, Prävention und gesellschaftlicher Teilhabe leistet.

Was ist die wichtigste Erkenntnis aus dem Symposium?
Die wichtigste Erkenntnis ist für mich: Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Die gesundheitlichen Vorteile aktiver Mobilität sind wissenschaftlich sehr gut belegt. Entscheidend ist jetzt, das Wissen konsequenter in politische Entscheidungen, Strukturen und Investitionen zu übersetzen.

Es ist aber auch deutlich geworden, dass die Verkehrspolitik das nicht allein leisten kann. Gesundheit entsteht dort, wo Menschen ihren Alltag verbringen – auf dem Weg zur Schule oder zur Arbeit, beim Einkaufen und im öffentlichen Raum. Deshalb müssen Mobilität, Gesundheit, Prävention, Stadtentwicklung, Kommunen und Wirtschaft stärker zusammen gedacht werden. Für den ADFC heißt das: Wir bleiben die Interessenvertretung der Radfahrenden, wollen aber zugleich stärker Brücken zu anderen gesellschaftlichen Bereichen bauen, für deren Herausforderungen aktive Mobilität ebenfalls ein wichtiger Teil der Lösung ist.

Es kamen Akteurinnen und Akteure aus Verkehr, Gesundheit, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft zusammen. Was war der größte gemeinsame Nenner – und wo gab es unterschiedliche Sichtweisen?
Der größte gemeinsame Nenner war, dass die Gestaltung unserer Alltagsräume einen erheblichen Einfluss darauf hat, ob Menschen sich regelmäßig bewegen können. Darüber waren sich die verschiedenen Fachrichtungen einig.

Unterschiede gab es vor allem darin, wo Verantwortung gesehen wird und welche Hebel für wirksam gehalten werden: Der Gesundheitsbereich blickt stärker auf Prävention und Gesundheitsförderung, Kommunen auf ihre konkreten Planungs- und Finanzierungsspielräume, Planende auf die Frage, wie Infrastruktur und öffentliche Räume gestaltet sein müssen, damit Menschen sich sicher und selbstverständlich aktiv bewegen können und Unternehmen auf betriebliche Gesundheitsförderung und Mobilitätsmanagement. Gerade diese unterschiedlichen Perspektiven machen deutlich: Die Verbindung von Gesundheit und Mobilität scheitert nicht an fehlenden Ansatzpunkten, sondern häufig daran, dass Zuständigkeiten, Instrumente und Budgets getrennt voneinander organisiert sind.

Deshalb ist es so wichtig, dass es dem ADFC mit dem Symposium gelungen ist, einen zentralen Gedanken bei den Teilnehmenden zu verankern: Radwege sind Gesundheitsinfrastruktur.

Es waren auch internationale Referent:innen dabei. Was lässt sich von anderen Ländern oder Städten lernen, wenn es um die Verbindung von Gesundheit und Radverkehr geht?
Internationale Erfahrungen zeigen, dass aktive Mobilität besonders wirksam zur Gesundheitsförderung beiträgt, wenn Gesundheits-, Verkehrs- und Stadtentwicklungspolitik sie als gemeinsame Aufgabe verstehen. Die Beiträge von der WHO sowie aus Amsterdam, London, Barcelona und Österreich zeigen wichtige Bausteine auf: Gesundheitsziele in politische Entscheidungen integrieren, durchgängige und sichere Radnetze schaffen, öffentliche Räume aus Sicht ihrer Nutzer:innen gestalten sowie Strategien, Zuständigkeiten und Förderung verlässlich verzahnen.

Es geht nicht darum, Modelle eins zu eins zu übernehmen. Spannend sind die Prinzipien dahinter: langfristige Strategien, klare Zuständigkeiten, verlässliche Finanzierung und eine Gestaltung des öffentlichen Raums, die sich konsequent an den Bedürfnissen der Menschen orientiert. Es geht also nicht nur darum, dass Radwege aus der Perspektive der achtjährigen Isabella geplant werden, sondern Räume so zu gestalten, dass Menschen jeden Alters sich darin selbstständig und gerne bewegen. Das Symposium hat gezeigt, dass Deutschland hier von den Erfahrungen anderer Länder und Städte sehr konkret lernen kann.


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